Ab Montag verzichte ich auf Süßes! Ab morgen mache ich mehr Sport! Ab heute nehme ich ab! An guten Vorsätzen mangelt es nicht, schwerer am Nötigen Impuls, die Vorsätze auch tatsächlich umgesetzt. Um den Stein ins Rollen zu bringen, hat sich in den letzten Jahren Nudging als globaler Trend entwickelt. Nudging ist eine sanfte Motivationstechnik, die dabei helfen soll, erwünschtes Verhalten zu verstärken.

Wirtschaftswissenschaftler  und Nobelpreisträger Richard Thaler hat zusammen mit dem Rechtswissenschaftler Cass Sunstein den Begriff Nudges geprägt, der für einen „Schubs“ in Richtung eines erwünschten Verhaltens steht (engl. to nudge). Wir alle wissen, dass ausreichende Bewegung und gesunde Ernährung unseres Körpers guttun, Krankheiten vermeiden und Wohlbefinden auslösen können. Dieses Wissen allein scheint jedoch nicht zu genügen, dass wir uns entsprechend verhalten. Oftmals wird beispielsweise im Rahmen einer gesunden Ernährung die nachhaltige positive Wirkung unterschätzt und die kurzfristige durch den Genuss erzielte Zufriedenheit überschätzt (Friedrichsen & Hagen, 2018).

Zwei Systeme des Denkens

Basis der beim Nudging verwendeten Entscheidungsarchitektur ist nicht der Homo oeconomicus als Idealtyp eines wirtschaftlich rational denkenden Menschen, der allein auf Grundlage von dargebrachten Informationen seine Entscheidungen fällt. Nach Daniel Kahneman (Kahneman, 2013) entfallen fünf Prozent unseres Denkens auf bewusste, rationale und lediglich reflektierende Überlegungen. Kahneman unterscheidet zwei unterschiedliche Systeme des Denkens:

System 1: schnell, automatisch, unterbewusst, assoziativ, mühelos

System 2: langsam, anstrengend, bewusst, rational, erinnernd und reflektierend

Nudging knüpft an das System 1 an, mit dem Menschen 95% ihrer Entscheidungen und manchmal gegen alle Vernunft treffen.

Bitte nicht schubsen

Das Konzept Nudging ist wahrscheinlich umstritten. Kritiker merken an, dass es manipulativ sei und die Entscheidungsautonomie des einzelnen verletze. Aber ist dieser Eingriff in die Entscheidungsarchitektur wirklich so schwerwiegend, wenn Nudges Menschen einem Ziel näher bringen, das sie ohnehin verfolgen?

Nudging in der Gesundheitsförderung

Aufgrund des deutlichen Anstiegs chronischer Erkrankungen, wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes Typ II und psychischer Erkrankungen, wie Depressionen oder Angststörungen treten immer mehr Unternehmen mit dem Thema Gesundheitsprävention auf. Nicht zuletzt bewegt sich der Krankenstand auf dem höchsten Wert seit 40 Jahren.

Nudges haben den Vorteil, dass sie ohne großen Aufwand einfach umzusetzen sind. Da sie über das automatische Denk- und Entscheidungssystem arbeiten, bedarf es keiner besonderen intellektuellen Fähigkeiten, um mithilfe von Nudges ungesundes Verhalten nachhaltig zu verändern. So kann bei allen Menschen gesellschaftsübergreifenden Erkrankungen entgegengewirkt werden.

Das AEIOU-Modell

Mathias Krisam und Eva Kuhn haben aufbauend auf bisherige Verhaltensmodelle, die primär aus dem anglo-amerikanischen Raum stammen, ein übergreifend anwendbares Modell in deutscher Sprache entwickelt. 20 Aspekte unterstützen dabei die Planung und Durchführung von Nudging.

Bei dem sogenannten AEIOU-Modell steht A für den Bereich Ansprache, E für Einfachheit, I für Incentivierung, O für Orientierung und U für Unmittelbarkeit (Krisam & Kuhn, 2022) .


Verhalten wird durch Stupser aktiviert

1. Mehr Bewegung im Alltag

Fahrstuhl oder Treppe? Viele Menschen entscheiden sich für die erste Variante. Dabei wäre die Treppennutzung eine einfache Möglichkeit, etwas mehr Bewegung in den Alltag einzubauen. Humorvoll gestaltete Treppen-Nudges motivieren nachweislich zum Treppensteigen.

  • Unter dem Motto #treppegehtimmer konnten in Berlin innerhalb von vier Wochen rund 1200 Menschen mehr zum Treppensteigen motiviert werden (Krisam et al., 2021).
  • In Stockholm und anderen Städten wie Melbourne, Mailand oder Istanbul sind sogenannte Pianotreppen im wahrsten Sinne des Wortes der großen Renner: In Stockholm nutzten 66% mehr Menschen die Treppenstufen statt der Rolltreppe (Peeters et al.). https://youtu.be/9YvrPlixqPY

2. Gesunde Ernährung

Mit kleinen Tricks und Kniffen lassen Sie sich im Bereich der gesunden Ernährung erstaunliche Ergebnisse erzielen.

  • Eine Nudgingvariante ist, die gesunde Option zur Standardoption zu machen. Platzieren Sie ungesunde Snacks nicht griffbereit auf dem Schreibtisch, sondern verstauen Sie sie als „Bückware“ in der hintersten Ecke des Kellerschrankes. Jetzt erfordert es deutlich mehr Aufwand, an die ungesunden Kalorien zu kommen und den Konsum zu reduzieren (vgl. Halpern et al., 2007).
  • Auch die Beleuchtung kann einen großen Einfluss ausüben. In einer amerikanischen Studie stellte sich heraus, dass Restaurantbesucher in gut beleuchteten Räumen rund 20 Prozent gesunde Gerichte bestellten im Vergleich zu Bestellungen in mit gedimmtem Licht (Biswas et al., 2017).

Verhalten wird durch Nudges gehemmt

Mit Nudges lässt sich nicht nur ein bestimmtes Verhalten initiieren, auch Unterstützung beim Unterlassen eines unerwünschten Verhaltens ist möglich, wie beispielsweise Sucht.

  • Die etwas andere Klolektüre hat an einer amerikanischen Northwestern Universität dazu geführt, dass Studierende weniger häufig Blackouts und andere alkoholbedingte negative Erfahrungen erlebten. Erreicht wurde das durch eine Posterkampagne, die plakativ an der Innenseite der WC-Türen über den Alkoholkonsum an der Uni berichtete, zB mit dem Hinweis: „Die meisten Studierenden trinken an 0 bis 5 Tagen im Monat“. Dadurch konnte die Wahrnehmung sozialer Normen verändert und eine Reduzierung des Alkoholkonsums erreicht werden (Su et al., 2018). Die Northwestern University hat auf diesem Erfolg verschiedene weitere Kampagnen aufgebaut, u.a. für den Konsumverzicht von Cannabis oder verschreibungspflichtigen Medikamenten ohne Indikation ( Health Awareness Campaigns: Wellness at Northwestern , 2022). 

Zum einen kann dem Thema gesucht mit Nudges präventiv begegnet werden, aber sie helfen auch, die Suche zu überwinden.

Dies kann beispielsweise über eine Selbstverpflichtung erfolgen. Wer sich öffentlich und verbindlich zu einem geplanten Vorhaben zu erreichen, erhöht die Wahrscheinlichkeit, sein Ziel zu.

  • Bei dem Rauchstoppprogramm CARES (Committed Action to Reduce and End Smoking) wurde eine solche Selbstverpflichtung mit einer finanziellen Komponente gekoppelt. Raucher:innen, die Abstinenz versprachen, konnten sechs Monate lang Geldbeträge in selbstgewählter Höhe auf ein Sparkonto einzahlen. Nach dieser Zeit und einem durchgeführten Urintest entschieden sich, ob sie das eingezahlte Geld quasi als Belohnung veranlasst oder ob dieser Betrag einem wohltätigen Zweck gespendet wird. Für Personen, die Monate lang Geld eingezahlt hatten, lag die Wahrscheinlichkeit auch nach einem Jahr noch rauchfrei zu sein signifikant höher (um 3,3 bis 5,8%) als bei der Kontrollgruppe (Giné et al., 2010).



Nudging bietet eine tolle Möglichkeit, indirekt Einfluss auf das Gesundheitsverhalten zu nehmen. Doch wie schafft man es, persönlich und ohne äußere Faktoren neue Gewohnheiten zu etablieren? Hier geht es zum Blogeintrag, wie Veränderung gelingen kann.


Links

Quellen

Biswas, D., Szocs, C., Chacko, R., & Wansink, B. (2017). Leuchtendes Licht auf die Atmosphäre: Wie Umgebungslicht die Auswahl von Lebensmitteln beeinflusst. Zeitschrift für Marktforschung , 54 (1), 111–123. https://doi.org/10.1509/jmr.14.0115

Friedrichsen, J., & Hagen, K. (2018). Stupsen und Schubsen (Nudging): Beispiele aus Altersvorsorge, Gesundheit, Ernährung. Vierteljahrshefte Zur Wirtschaftsforschung , 87 (2), 5–16. https://doi.org/10.3790/vjh.87.2.5

Giné, X., Karlan, D., & Zinman, J. (2010). Setzen Sie Ihr Geld dort ein, wo Ihr Hintern ist: Ein Verpflichtungsvertrag zur Raucherentwöhnung. American Economic Journal: Applied Economics (2), 213–235. https://doi.org/10.1257/app.2.4.213

Halpern, SD, Ubel, PA, & Asch, DA (2007). Nutzung der Leistungsfähigkeit von Standardoptionen zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung. The New England Journal of Medicine , 357 (13), 1340–1344. https://doi.org/10.1056/NEJMsb071595

Gesundheitsbewusstseinskampagnen: Wellness im Nordwesten. (2022, 16. September). https://www.northwestern.edu/wellness/hpaw/campaigns/index.html

Kahneman, D. (2013). Denken, schnell und langsam (Erste Taschenbuchausgabe). Psychologie/Ökonomie . Farrar Straus und Giroux.

Krisam, M., & Kuhn, E. (2022). Das AEIOU-Modell: Gesundheitsverhalten mit Erkenntnissen der Verhaltenswissenschaften effektiv in der Praxis steuern. Gesundheitswesen (Bundesverband der Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes , 84 (6), 547–553. https://doi.org/10.1055/a-1630-6676

Krisam, M., Maier, M., & Krisam, J. (2021). #treppegehtimmer: die effektive und niedrigschwellige Möglichkeit zur Steigerung körperlicher Aktivität im Alltag. Prävention und Gesundheitsförderung , 16 (4), 282–289. https://doi.org/10.1007/s11553-020-00810-z

Peeters, M., Megens, C., van den Hoven, E., Hummels, C., & Brombacher, A. Social Stairs: Die Klaviertreppe zu fließenden Verhaltensänderungen nehmen. In (Bd. 7822, S. 174–179). https://doi.org/10.1007/978-3-642-37157-8_21

Su, J., Hancock, L., Wattenmaker McGann, A., Alshagra, M., Ericson, R., Niazi, Z., Dick, DM, & Adkins, A. (2018). Bewertung der Wirkung einer campusweiten Marketingintervention für soziale Normen auf die Wahrnehmung von Alkoholkonsum, Konsum und Blackouts. Journal of American College Health: J of ACH , 66 (3), 219–224. https://doi.org/10.1080/07448481.2017.1382500

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